Autor: Ludwig Janus

Selbstmordgefährdung

Wir können heute aufgrund empirischer Untersuchungen sagen, dass die Selbstmordinszenierung in ihrer jeweiligen Ausgestaltung dem Ablauf der Geburt folgt. Wenn eine Geburt mit gewaltsamen Beeinträchtigungen verbunden war, dann wird der Tod durch gewalttätige Mittel, wie Sich-vor-den-Zug-Werfen oder Erschießen, gesucht, wenn aber die Geburt durch eine narkotische Betäubung bestimmt war, dann wird der Tod eher durch bewußtseinslähmende Mittel wie Schlaftabletten o.ä. angestrebt.

Immer wieder wird in der Literatur der Wunsch des Suizidenten betont, sich wieder mit dem mütterlichen Urwesen zu vereinigen, was nur über eine geburtsregressive Rückkehr in die pränatale Welt möglich erscheint. Insofern sind die Suizidinszenierungen entgleiste Wiedervereinigungs- und Wiedergeburtsbemühungen, um sich in einer ausweglosen Lebenssituation zu erneuern. Dieses Gefühl der Ausweglosigkeit kann wiederum eine Wurzel in einer pränatalen oder perinatalen Schädigung haben.

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Überlegungen zur Psychodynamik von Verschwörungstheorien

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Das bisher übliche mehr oder wenig deskriptive Beschreiben der Verschwörungstheorien ist eben unzureichend und angesichts der gesellschaftspolitischen Bedeutung der Thematik auch problematisch, entspricht aber der im akademischen Bereich immer noch selbstverständlichen Ausblendung der pränatalpsychologischen und psychohistorischen Dimension unserer Lebenswirklichkeit.

Dabei wird die politische Dimension der Unterbewertung der primären Kindheitsbedingungen für die Friedensfähigkeit einer Gesellschaftund eben die Resistenz gegenüber der emotionalen Erleichterung durch Verschwörungstheorien m. E. massiv unterschätzt. So bin ich überzeugt, dass die blinde Überzeugung, dass die Eliten „die Menschheit unterdrücken wollen“ und sie den Menschen irgendwie bösartig schaden wollen (Beuth u.a. 2020), mit Traumatisierungen und Überforderungen am Lebensanfang zusammenhängt.

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Vielleicht ist die Geburt unausweichlich in unserem Gefühl zu eng mit dem Tod verbunden

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Ich habe diese englische Hebamme so ausführlich zitiert, weil ich ihren Aufsatz, der 1924 in der »Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse« erschien, für ein Dokument menschlicher Einfühlung und mutiger Wahrhaftigkeit halte. Der Artikel schildert zum einen die erschreckende Uneinfühlsamkeit im Umgang mit dem Neugeborenen in der damaligen Zeit und gibt gleichzeitig auch eine Fülle von Anregungen, die in der modernen Geburtsbewegung inzwischen umgesetzt sind. Dorothy Garley hat durch ihre Worte das Tabu gebrochen, wahrhaftig und öffentlich über die Notseite der Geburt und des Geborenwerdens zu sprechen. Wir wissen, dass auch unter den Psychoanalytikern nur ganz wenige die Kraft und den Willen hatten, hier offen zu sein. Eine davon ist Phyllis Greenacre, die in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts Artikel über die lebensgeschichtliche Bedeutung der Geburtsangst schrieb, doch ahnungsvoll bemerkte:

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