Sind wir nicht alle ein bisschen borderline?
Sind wir nicht alle ein bisschen borderline?
Borderline stellt heute, zwar in verschiedenen Ausprägungsgraden, aber dennoch ein überdurchschnittlich häufig anzutreffendes Beschwerdebild dar. Aus diesem Grund kann man die Borderline-Persönlichkeitsstörung durchaus als ein gesellschaftliches Problem betrachten.
Hierzu schreiben Jerold J. Kreisman und Hal Straus in ihrem Buch »Ich hasse dich, verlass mich nicht«: „Wie die Welt der Borderline-Persönlichkeit ist auch die unsrige eine Welt großer Widersprüche. Wir glauben angeblich an den Frieden, dennoch sind unsere Straßen, die Kinofilme, das Fernsehen und der Sport voll mit Aggressionen und Gewalttaten. […] Selbstbewusstes Vorgehen und Tatkraft werden gefördert, Nachdenken und Selbstbeobachtung dagegen mit Schwäche und Unfähigkeit gleichgesetzt. […] Dabei verlassen wir uns auf unsere Sehnsucht nach der Zeit, als alles noch einfach war, nach unserer eigenen Kindheit."
Bei genauerem Hinsehen gilt Borderline-Verhalten in unserer Gesellschaft als zeitgemäß. Interessanterweise attestiert man jemandem „viel Charakter", der weniger als die Norm gebändigt ist, sondern sich lebhaft und ausdrucksvoll verhält. Jemand, der einen klaren Standpunkt vertritt, mit allen Mitteln durchsetzt und andere Meinungen ins Unrecht setzt, wird als willensstark eingeschätzt. Ich habe Recht, der andere hat Unrecht.
Osama bin Laden teilt die Welt in Gut und Böse. Doch auch Amerika zählt sich absolut zur guten Seite und wer nicht mitmacht, gehört automatisch zur Achse des Bösen. Es gibt nur noch schwarz oder weiß, keine Zwischentöne. Ich bin nur noch auf der guten Seite und die anderen sind auf der Schlechten. Das ist klassisches Borderline-Verhalten.
Schillernde Persönlichkeiten, wie etwa die Schauspielerin Jennifer Nitsch, die mit der richtigen Portion „Durchgeknalltsein" ausgestattet sind und mit ihren ausgeprägten Stimmungsschwankungen von „Himmel hoch jauchzend" bis „Zu Tode betrübt" über die Medien zu Unterhaltern für „Normalos" werden, gelten als schick, weil sie ja ‚Künstler’ und sowieso nicht zu verstehen sind. Sei das Verhalten noch so absurd, kaum ein Mensch würde sich darüber Gedanken machen, was die jeweilige Person wirklich bewegt, was hinter dem Verhalten steckt. Mitgefühl ist ausgeschaltet, man weidet sich an deren Ausschweifungen und Exzessen.
Haltlosigkeit wird als bahnbrechend, als schöpferisch oder gar als genial bewertet. Der „Normalo" beginnt zu idealisieren, um sein von ihm empfundenes langweiliges Dasein zu verdecken. Auch das ist klassisches Borderline-Verhalten.
Auf der anderen Seite werden durch zunehmenden Werteverfall immer mehr verantwortungsscheue, nicht nur am Allgemeinwohl, sondern auch am Mitmenschen uninteressierte Egoisten herangezüchtet. „Nach mir die Sintflut" oder „Nimm, was du kriegen kannst" beschreibt die Haltung von Borderline-Persönlichkeiten, in Bezug auf ihre Einstellung, die „Welt als Zitze’ zu sehen. Hier sind immer die anderen für das eigene Wohl verantwortlich und zum Geben verpflichtet. Genau diese Haltung wird gefördert nach dem Motto, „Jeder ist seines Glückes Schmied" und wer nicht schaut, wo er bleibt, seine Vorteile nicht nutzt, ist selbst Schuld. Jeder ist angehalten, seinen Vorteil ohne Rücksicht auf andere zu suchen. Werte wie Moral, Pflichtbewusstsein oder Fleiß sind zur antiquierten Aussage mit verpönt konservativem, manchmal gar rechtsradikalem Inhalt verkommen. Gegenseitige Unterstützung, Mitgefühl und Solidarität wird zwar überall gepredigt, aber in Wirklichkeit, wenn es um die Umsetzung im täglichen Leben geht, belächelt man Menschen, die diese Werte auch wirklich leben, als „Weicheier", als „Gestrige", denen es an Power mangelt. Der sichtbare Erfolg heiligt, ja entschuldigt alles. Hinter die Fassade wird nicht mehr geschaut und sei es dort noch so verroht. Wie bei Borderline zählt nur der Moment und der Eigennutz ohne Rücksicht auf Werte.
In unserem System ist nichts mehr darauf ausgerichtet, dass es ein Leben lang hält. Im Gegenteil ist durch die Schnelllebigkeit der Zeit und die Ausrichtung auf grenzenloses Wirtschaftswachstum dauerhafte Haltbarkeit nicht erwünscht. Diese Einstellung überträgt sich natürlich auch auf Partnerbeziehungen, wie soll man in einer Gesellschaft eine dauerhafte Beziehung anstreben, in der Dauerhaftigkeit als Starre, Verhaftetsein und Unflexibilität angesehen wird. Passt die eine Beziehung nicht mehr, beginnt man halt eine neue.
Die häufig anzutreffende Borderline-Symptomatik könnte eine Auswirkung der gesellschaftlichen Verhältnisse sein, die seit Jahrzehnten weite Teile unserer Kultur bestimmt. Extreme Haltlosigkeit, große emotionale Schwankungen und tief sitzende Ängste von „Borderlinern" sind höchstwahrscheinlich in vielen Fällen Auswirkungen einer auch emotional instabilen Kindheit, in der es in bestimmten Bereichen wenig Grenzen, wenig Sicherheit, aber viel Grund für Angste (insbesondere emotionale Verlustängste und/oder emotionalen Terror) gab. Die Eltern waren nicht wirklich für ihre Kinder da und konnten ihnen nicht die Sicherheit geben, die ein Kind nun einmal benötigt. Heutzutage ist auffällig, dass viele Kinder zwar schon (sehr!) früh emotional reif und abgeklärt wirken, weil sie es in ihren instabilen und/oder karrieregeprägten Familien auch sein müssen, doch auf emotionalen Stress reagieren sie häufig inadäquat, entweder deutlich überzeichnet und unkontrolliert bis aggressiv oder gefühlskalt, scheinbar kaum berührt und nüchtern. Gelingt es diesen Kindern nicht, zu lernen, sich selbst und ihre Bedürfnisse besser zu spüren (häufig ein schwieriges, durch sie allein kaum lösbares Unterfangen), dann werden das später jene „Borderliner", die sich auch als Erwachsene nie wirklich dauerhaft geborgen und angenommen fühlen können.
Diese Hypothese wird durch einschlägige Ergebnisse von Statistiken gestützt, die aufzeigen, dass „Borderline-Kinder" in signifikanter Häufigkeit Eltern haben, die ihrerseits an Neurosen und zum Teil schweren Persönlichkeitsstörungen litten. Diese Kinder lebten deutlich häufiger als die Kinder aus Vergleichsgruppen außerhalb ihrer Herkunftsfamilien (Adoptivfamilien, Pflegefamilien, Heime). Sie erlebten also häufiger Trennungen von ihren primären Bezugspersonen und von ihrer Wohnumgebung als andere Kinder. Diesen Trennungen gingen in der Regel bedeutsame Ereignisse, wie Tod der Eltern, Dissozialität oder Suchterkrankungen, Unfähigkeit zur Erziehung, Misshandlung oder sexueller Missbrauch voraus.
Diese Erkenntnis ist ein Grund mehr, sich darüber große Sorgen zu machen, wie wir in unserer heutigen Gesellschaft mit unseren Kindern umgehen. Wie wir ihnen die Welt zeigen und in welchem Maße wir ihnen ein gesundes Selbstwertgefühl vermitteln, das nur durch ein stabiles Elternhaus, das Vermitteln von Sicherheit und angemessene Aufmerksamkeit erreicht werden kann.