Vielleicht ist die Geburt unausweichlich in unserem Gefühl zu eng mit dem Tod verbunden
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Ich habe diese englische Hebamme so ausführlich zitiert, weil ich ihren Aufsatz, der 1924 in der »Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse« erschien, für ein Dokument menschlicher Einfühlung und mutiger Wahrhaftigkeit halte. Der Artikel schildert zum einen die erschreckende Uneinfühlsamkeit im Umgang mit dem Neugeborenen in der damaligen Zeit und gibt gleichzeitig auch eine Fülle von Anregungen, die in der modernen Geburtsbewegung inzwischen umgesetzt sind. Dorothy Garley hat durch ihre Worte das Tabu gebrochen, wahrhaftig und öffentlich über die Notseite der Geburt und des Geborenwerdens zu sprechen. Wir wissen, dass auch unter den Psychoanalytikern nur ganz wenige die Kraft und den Willen hatten, hier offen zu sein. Eine davon ist Phyllis Greenacre, die in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts Artikel über die lebensgeschichtliche Bedeutung der Geburtsangst schrieb, doch ahnungsvoll bemerkte:
»Aber vielleicht ist die Geburt unausweichlich in unserem Gefühl zu eng mit dem Tod verbunden. Vielleicht ist der Kampf der Geburt zugleich zu erschreckend und zu überwältigend für uns, um bereit zu sein, ihn mit wissenschaftlicher Neutralität zu betrachten. Vielleicht haben Männer zuviel Ausschließungsangst und Frauen zuviel direkte Angst.«
Seit Anfang des letzten Jahrhunderts haben immer wieder mutige Geburtshelfer offengelegt, wie stark scheinbar normale Geburten mit inneren Verletzungen, vor allem im Schädel, verbunden sein können. Lapidar schrieb 1924 Hans Saenger, neben Philip Schwartz einer der Pioniere dieser Forschungsrichtung:
»Bei der Geburt des heutigen, zivilisierten Menschen wirken so große Gewalten auf den kindlichen Hirnschädel ein, daß der Geburtsakt als ein Trauma zu bewerten ist, von dessen Größe und Gefahren sich nur derjenige eine Vorstellung machen kann, der öfters Gelegenheit hatte, an neugeborenen Kindern Schädelsektionen vorzunehmen.«
Diese prinzipielle Aussage kann heute immer beweiskräftiger belegt werden (s. S. 60f.). Wir würden heute aber nicht mehr vom »Geburtstrauma«, sondern von möglichen traumatischen Aspekten, die eben durch eine gute Geburtsvorbereitung und -begleitung entscheidend gemildert werden können. Und man kann Babys seit einigen Jahren bei der Verarbeitung solcher traumatischer Aspekte der Geburt einfühlsam helfen.