Selbstmordgefährdung

Wir können heute aufgrund empirischer Untersuchungen sagen, dass die Selbstmordinszenierung in ihrer jeweiligen Ausgestaltung dem Ablauf der Geburt folgt. Wenn eine Geburt mit gewaltsamen Beeinträchtigungen verbunden war, dann wird der Tod durch gewalttätige Mittel, wie Sich-vor-den-Zug-Werfen oder Erschießen, gesucht, wenn aber die Geburt durch eine narkotische Betäubung bestimmt war, dann wird der Tod eher durch bewußtseinslähmende Mittel wie Schlaftabletten o.ä. angestrebt.

Immer wieder wird in der Literatur der Wunsch des Suizidenten betont, sich wieder mit dem mütterlichen Urwesen zu vereinigen, was nur über eine geburtsregressive Rückkehr in die pränatale Welt möglich erscheint. Insofern sind die Suizidinszenierungen entgleiste Wiedervereinigungs- und Wiedergeburtsbemühungen, um sich in einer ausweglosen Lebenssituation zu erneuern. Dieses Gefühl der Ausweglosigkeit kann wiederum eine Wurzel in einer pränatalen oder perinatalen Schädigung haben.

Wonach eigentlich gesucht wird, ist das erneute Durchstehen dieser damals nicht zu bewältigenden Gefahr, um im eigenen Leben einen Neuanfang zu schaffen. Hierfür spricht auch, dass nach einer Untersuchung des Psychiaters David Rosen die Menschen, die einen Sprung von der Golden Gate Bridge in San Francisco überleb haben, nach dem Durchleiden dieser elementaren Erfahrung alle zu einem neuen Lebensanfang gefunden haben. Für alle war der Todessturz ein Stück weit Erledigung uralter Todesangst und damit Chance für einen Neubeginn.

Aber nur zu häufig kommt es in ständig wiederholten Selbstmordinszenierungen nicht zu einem Neuanfang, sondern zu einem stets neuen Steckenbleiben im Urtrauma, einfach weil die primäre Belastung oder die Schwierigkeiten der aktuellen Situation zu groß sind.

► Ludwig Janus: Wie die Seele entsteht: Unser psychisches Leben vor, während und nach der Geburt (1997)

Ludwig Janus   |   Tags: perinatal, trauma